Samstag, 26. Januar 2013

#Aufschrei

Endlich kann sich jeder, dem bisher noch nicht genügend Aufmerksamkeit zuteil wurde, via Twitter oder artverwandten asozialen Medien, den erforderlichen Schub an Nachholbedarf holen. Ist ganz einfach:
Schreib einfach irgendwelchen Blödsinn unter oben genanntem Hashtag und schon prügeln sie wahlweise auf dich ein oder laichen Betroffenheitsgesülze ab.
Es ist immer wieder schön zu merken, dass Leute, die sich für wahnsinnig schlau halten, offenbar von zwei, gleich auch noch elementaren Dingen so rein überhaupt keine Ahnung haben und das  publicitygeil in die virtuelle Welt hinauströten.
Von Macht und Sexualität ist die Rede, was sich eigentlich von selbst versteht, aber gerne nochmal explizit ausgeführt wird. Für diejenigen unter den Buchstabenakrobaten, denen Begriffe wie Psycho- und Soziologie  erschreckend fremd zu sein scheinen, was sie allerdings nicht davon abhält, darüber zu schreiben. Manchmal sogar für Bares. Die nennen sich dann Feminist (Achtung!) Innen oder irgendwas mit Kommunikation, PR, Social Media, Student, Topflappenhäkler oderoderoder.
Ab 1000 Followern wird dem Lesevolk hingeschleimt, was es denn gerne hören möchte, ab 5000 ist selbst das nicht mehr nötig, weil man sich in der Elite der Twitterasten wähnt und entweder die Schnauze bzw. die Finger still hält oder aber locker auf die 40 oder 50 Angewiderten verzichten kann.
Damit bekommt Diskurs eine neue Qualität, nämlich eine unterirdische.
Während zutiefst traumatisierte 48-jährige Frauen erschüttert schildern, wie ihnen drei 17-jährige, alkoholisierte Jugendliche aus der abfahrenden U-Bahn heraus obszöne Gesten zuteil werden liessen -und das vor 20 Jahren, man stelle sich vor-, berichten 20-jährige über 48-jährige Chefs und Kollegen, die anzügliche Witzchen machen.
Dazwischen mischen sich Stimmen von tatsächlichen Opfern sexueller Übergriffe, wobei mit Sicherheit nicht die gemeint sein soll, die da nun seit 4 Stunden ununterbrochen  von ihren angeblichen Erlebnissen schwafelt.
Demgegenüber stehen Möchtegern-Machos und die Unvermeidlichen, denen Mama erzählt haben muss, dass alle Frauen Schlampen seien. Ausser Mama natürlich.
Jut, aber was empfehlen wir denn nun den versammelten Hobbyaphoristikern?
Lernt! Lest! Schaut euch um im Leben!
Vielleicht rallt ihr dann irgendwann mal, wie Macht und Sexualität zusammen gehören.
Und wieso das nur bedingt ein gesellschaftliches, sondern vielmehr ein individuelles Problem ist.
Jedenfalls in unseren Breiten.


9 Kommentare:

  1. Ich musste erstmal "Hashtag" guugeln... ich hatte schon den Verdacht, dass das irgendeine Droge ist, die Du selbst gebraut hast. Von wegen Optimismus und so.

    Und nun lese ich mich in den #Aufschrei ein...
    Mutti kriegt aber auch gar nix mit...

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    1. Deshalb blogge ich ja seit 4 Jahren - um die, die im Dunkeln stehn, ins Licht zu führen. Oder hinters.^^

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    2. ich bin Dir sooooo dankbar, ich kann das gar nicht in Worte fassen - endlich wird es hell für mich... ich folge Dir in die Sonne, Bruder.

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  2. Ouh Mann, da einverleibe ich mir zunächst noch nichtsahnend Deinen hiesigen Artikel, schwenke dann weiter zum Bildblog, von dort aus weiterhoppend resp. einem interessant klingenden Link folgend, und schon lande ich auf einem dieser unsäglichen Artikel, in denen farbenfroh geschildert wird, wie frau tagtäglich diverse Male Opfer unsäglich perverser Übergriffe wird, und dadurch schon so abgestumpft ist, dass sie kaum mehr wahrnimmt, wie oft sie tatsächlich "ge-street-harassed" (omg!) wird.

    Ich glaube, ich bin ein Mann. Es weiß nur noch keiner, inklusive mir. Von den dort geschilderten Übergriffen ist mir noch kein einziger widerfahren. o_O Wobei ich jetzt auch nicht jedes Nachgaffen und jedes Nachpfeifen als Belästigung auffasse, über die ich #aufschrei-en müsste, sondern auch einfach mal als Kompliment.

    Manchmal wär ich gern ein Kerl. Dann müsst ich mich nicht so schämen über dieses undifferenzierte Emanzengeseiher solcher, wie es eine so schön ausdrückte (die dann auch konsequent zerfleischt wurde - Zusammenhalt, bitte ja, aber nur, wenn wir alle einer resp. meiner Meinung sind), "Jammersistern". ;D

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  3. 'Jammersistern' - gnihihihi... schön. Hab ich leider überlesen.

    Was da so alles alles sexueller Übergriff gewertet wird, ist schon erstaunlich.
    Toll fand ich den Tweet über die Weite des Ausschnittes.
    Halloooo ? Wenn ich zur Arbeit gehe, dann hänge ich meine Brüste nicht in den Wind.
    Mein Chef kommt ja auch nicht im LeopardenTanga in die Praxis.
    Obwohl er der machthabende Sexist sein könnte, ist er sehr frauenfreundlich eingestellt, was seine Garderobe angeht...

    Twitter ist nun so gar nicht meins. Deshalb verstehe ich auch nicht wirklich wie sich ein derartiger Hype entwickelt.
    Grausam finde ich das ganze Gerede über "sexuelle Übergriffe" für diejenigen, die wirklich Opfer sexueller Gewalt geworden sind.

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    1. Überlies es weiter. Ist besser. Mir schwillt gerade dezent die Halskrause, weil so langsam echt jede 2. bis 3. Bloggerin meint, sie müsse auf diesen Zug undifferenzierter Pauschalbehauptungen aufspringen und ihre Leidensgeschichtchen zum Besten geben.
      ...beim Lesen jener frage ich mich übrigens manchmal, ob ich in einer anderen Welt lebe. oO Ich war zu Teenagerzeiten, als auch als junge Erwachsene, wirklich kein Kind von Traurigkeit. War aufgebrezelt bis zum geht nicht mehr in den diversesten Locations unterwegs, aber noch nie nie nie, weder in Discotheken, noch Kneipen, noch Bussen/Bahnen/whatever hat mir irgendwer an den Arsch oder die Titten gepackt.
      Und wenn einer mal zu lüstern in den Nahtanzmodus ging, weil man sich - zugegeben - recht aufreizend angezogen auf der Tanzfläche bewegte, dann hat man böse geguckt, sich entfernt und dann wusste der Bescheid.

      Aaaaaah, ich schreib mich in Rage gerade, ehrlich.

      Ich schäme mich zeitweise für einen nicht unerheblichen Teil meiner Geschlechtsgenossinnen, und momentan ist so ein Moment. oO

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    2. ich zermarter mir auch seit Stunden das Hirn... aber mir hat auch noch niemand ungefragt irgendwohin gegrapscht.
      Und ich habe meine weiblichen Reize eigentlich nie großartig verborgen...

      Zum Anderen versteh ich auch nicht, wieso man nicht humorvoll kontern kann?
      Also bei so Kleinigkeiten.

      Und dann die schleimigen Kerle, die da den Betroffenen machen *ürgs*

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  4. --> "Imho falscher Weg: Jahre später, online, im Schutz der Masse, ''aufschreien'', statt im tatsächlichen Moment deutlich zu werden. #aufschrei" ist übrigens das, war MIR dazu heute auf Twitter zu sagen einfiel.

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  5. Inszenierter Hype, das Ganze. Kotzt mich an. Besonders die von Vany angesprochenenen, heuchlerisch schleimenden Weichlappen.
    Letztens, das war noch vor dieser Invasion der paranoiden Mimöschen beiderlei Geschlechts, schreibt so´n Tennissockenbügler doch tatsächlich einen derart verquasten Blogpost darüber, wie er sich bei einer jungen Frau entschuldigen möchte, die sich durch ihn (schwul in Begleitung seines Stechers) in dunkler Nacht auf ebensolcher Strasse durch reine Anwesenheit bedroht fühlte. Geht´s noch? Was für ein Schwachsinn. Effekthascherei, nichts weiter. Seht her, wie sensibel und mitfühlend ich doch bin. I´m good, you´re not.
    Noch verlogener als all die, die sich jetzt endlich trauen, sexistische Übergriffe (wobei sie natürlich selbst bestimmen, wo die anfangen)von anno krux zu schildern.

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